Laudatio von Sigmund Kopitzki

Eröffnung „Experimentelle 19“ in Wald-Ruhestetten, 8. Juli, 2016

 

Sehr geehrte Frau Bürkle, verehrte Damen und Herren,

auch ich begrüße Sie ganz herzlich zur Eröffnung der „Experimentelle 19“ im Werkpark Neue Kunst am Ried. Erlauben Sie auch mir, einige Worte zu dieser Biennale der Kunst, bevor ich auf die Protagonisten dieser Ausstellung und ihre Werke eingehe.

Die „Experimentelle“ ist im Vergleich zu anderen Biennalen dieser Welt – ich denke etwa an das im 19. Jahrhundert gegründete Festival der Kunst in der Lagunenstadt Venedig – noch eine junge Schöpfung.

Andererseits: 28 Jahre – und da begann die Experimentelle – zeugen angesichts des rasenden Stillstands unserer Zeit doch von einer seltenen Kontinuität. Das andere Besondere: die Idee des Projekts wurde sozusagen am Rande der Welt geboren – in Randegg, im Hegau, das von Gottmadingen verwaltet wird. Fernab also dessen, was als Puls des Kunstbetriebs gilt, Metropolen wie Paris, London, Istanbul oder Berlin…

Die „Experimentelle“ begann in der Gemeindehalle von Randegg. Sie dauerte ganze drei Tage, ein Wochenende lang. Der Anstifter der menschenfreundlichen Aktion weilt unter uns: Titus Koch. Er betreibt – als Nebenerwerbswirtschaft – im örtlichen Schloss eine Galerie.

Das Schloss hat eine große Vergangenheit. Anfangs der 1930er Jahre bot es auch dem Expressionisten Otto Dix und seiner Familie Unterschlupf vor dem braunen Terror. Eines der beeindruckendsten Gemälde von Dix aus jener Zeit ist dem „Judenfriedhof von Randegg“ gewidmet. Das 1935 entstandene altmeisterliche Winterbild ist auch als Zeitkommentar zu lesen…

Das andere Besondere an der „Experimentelle“ ist: Sie verblieb nicht in der Gemeindehalle von Randegg, sie breitete sich aus: räumlich und zeitlich, ja, sie wurde international. Der erste Kooperationspartner war die schweizerische Nachbargemeinde Thayngen. Und schon bald kam das in Niederösterreich gelegene Randegg hinzu. Es ist seit vielen Jahren die Partnergemeinde von Gottmadingen.

Ich kürze ab: die „Experimentelle 19“ hat sich auf sieben Standorte (!) vergrößert. In diesem Jahr ist erstmalig das französische Straßburg dabei. Die Ausstellung im „Haus der Region“ wird Anfang September eröffnet.

Diese Expansion ist kein Zufall. Sie ist Ergebnis einer – man möchte fast schon sagen – natürlichen Entwicklung. 28 Jahre – das ist ein langer Weg. Koch & Co war nie an einer Expansion, um der Expansion willen gelegen. Auch das ist in einer auf Wachstum abgestellten Wirtschaft, auch Kultur-Wirtschaft, etwas Besonderes, Singuläres.

Die Kunst blieb in diesem dynamischen Prozess immer im Fokus. In diesem Jahr zeigen knapp 80 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Österreich, aus der Schweiz, aus Frankreich und – ja – selbst aus Japan und Neuseeland beispielhafte Arbeiten aus. Darunter sind prominente und weniger prominente Künstler. Es stimmt und ist Teil des Konzepts, wenn der Schirmherr der „Experimentelle 19“, Peter Friedrich, Minister a.D., im Katalog notiert, dass diese Biennale auch als „Spungbrett“ für Talente dienen soll.

An diesem schönen Ort – im Werkpark Neue Kunst im Ried – ermöglicht die „Experimentelle“ die Begegnung mit acht Kunstschaffenden. Wie an den anderen sechs Schauplätzen sind das überwiegend Bildhauer und Maler, aber auch Zeichner. Unter den Kunstschaffenden sind Lebende und Tote.

Einer, der in die Rubrik „Prominent gehört, ist der 2008 verstorbene Helmut Sturm, dessen Malerei die Kunstgeschichtsschreibung als abstrakt-expressiv rubriziert . Sturms befreiendes Motto als Künstler war – ich zitiere – „Kunst muss gar nichts, außer bildnerisch so gut wie möglich sein“.

Andrea Dreher widmet im Ausstellungskatalog dem Mitbegründer der avantgardistischen Münchner Künstlergruppe SPUR ein eigenes Kapitel. Ihr zufolge ist Sturms bildnerische Malerei extrem autonom und ehrlich: „In seinen Bildebenen zieht er unsere Aufmerksamkeit hin und her, es scheint, als wehrten sich seine Formate somit gegen flüchtige Blicke und oberflächliche Vereinnahmungen. Vielmehr wirken die Faktur von Sturms Arbeiten und insbesondere sein malerischer Duktus“, so Dreher, „wie Schutzschilde, um diese Bilder von einer falschen Lesart zu bewahren“.

Allerdings: Sturm, wohl selten ein Künstler, gibt vor, wie seine Arbeit, zumal ein abstraktes, von ungestümen Farbauftrag beherrschtes Bild, „zu lesen“ ist. Erst der Betrachter bringt es zum Leben. Wenn sich daraus viele Leben ergeben – umso schöner für den Künstler.

Allerdings ist Dreher auch in der Einschätzung zuzustimmen, wenn sie feststellt: „Wer sich auf Sturms Bildwelten einlässt, braucht Zeit und muss sich stets inneren Fragen (das sind immer die eigenen) stellen, denn diese Bilder lösen mehr Fragen aus als das sie Antworten liefern…“. – Machen Sie, meine Damen und Herren, die Probe aufs Exempel.

Die unterschiedlichen elektrifizierten Medienkünste, wie man sie üblicherweise in den Biennalen der Metropolen findet, also etwa auch Video, haben in die „Experimentelle“ bisher keinen Eingang gefunden. Ein – ich sag das mal so – kunstpolitischer Konservatismus, den sich ihre Macher lustvoll leisten.

Stefan Borchardt, Kustos im Kunstmuseum Hohenkarpfen und ebenfalls Autor im Ausstellungs-Katalog, erklärt diesen bewussten Verzicht damit, dass die Kuratoren der „Experimentelle“ an künstlerischen Ausdrucksformen festhalten, „die im Kunstwerk oder im künstlerischen Ereignis selbst, in seiner ästhetischen Erscheinung ihr Gravitationszentrum behielten und darin sowohl ihre künstlerische als auch ihre gesellschaftlichen Relevanz begründen.“ Das gilt, so Borchardt, sowohl für die unterschiedlichen Positionen konzeptioneller und/oder installativer Kunst, die auch hier zu besichtigen ist.

Hinter diesem Ansatz steckt ein gültiges Kunstverständnis, das seine Wurzeln in der Moderne hat. Die Rolle des Künstlers war die des Vermittlers (mehr oder weniger) tief greifender Einsichten. Aber auch die Moderne (als Revolte) ist nur noch Geschichte. Spätestens mit dem Tod von Pablo Picasso – um einen Titanen der Kunst der Moderne zu nennen – setzte die Postmoderne ein, das Zeitalter des „anything goes“. Und sie gebar nur folgerichtig eine andere Kunst.

Die Kunst der Postmoderne ist – allgemein formuliert – nicht primär kritisch. Sie stellt in der Regel keine existenziellen Fragen, sie schockt nur noch mit ästhetisch akzeptablen Tabuverstößen. Sie lebt im Zitat und wird oft als ein Teil des Freizeitangebots angenommen, der Mode, allgemein: des Lifestyle.

Ob sie diese Teilrealität reflektiert oder bloß imitiert und travestiert, ist schwer zu beurteilen. Die vom einstigen Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Jean-Christophe Ammann, im Jahr 2000 kuratierte stadtraumbezogene Aktion „Hier Da Und Dort“ in Singen im Rahmen der Landesgartenschau – Sie erinnern sich –, die Projekte mit etablierten Künstlern wie Joseph Kosuth, Stefan Balkenhol, Ilya und Emilia Kabakov und Roman Signer auf den Weg brachte, bewegte sich zwischen diesen Polen, ohne eine endgültige Antwort zu geben. Eine Erwartung erfüllte sich allerdings: die Stadt konnte im Netzwerk der großen Kunst punkten…

Aber auch der Postmoderne wurde bereits das Sterbeglöcklein geläutet. Seit den neunziger Jahren kommt die Kunst ohne „Ismen“ aus, meinte Beat Wyss in einem Essay der „Neuen Zürcher Zeitung“ von 2001, der in seinen Grundzügen noch immer gültig ist. Der Kunsthistoriker weist luzide darauf hin, dass kein Begriff mehr aufgetaucht sei, „der den Diskurs um die Kunst lenken würde. Mit den neunziger Jahren haben wir das erste Jahrzehnt ohne stilkritische Patente zurückgelegt“. Zum ersten Mal sei die Kunst daher – im doppelten Sinne – „gegenstandslos“. Noch hatte das vorletzte Thema der Kunst einen Gegenstand, so Wyss, nämlich Kunst. Ad Reinhardt brachte es einmal so auf den Punkt: „Art is Art. Everything else is everything else“. An die Stelle der Kunst seien nun „Testbilder“ getreten für die heute alles entscheidende Frage: „Ist dieser Beitrag neu genug, um an der Kunstbörse Bestand zu haben?“

Beat Wyss spricht – etwas zugespitzt – von der „Markt Performance“ und meint damit nicht den Warenkatalog aus dem Supermarkt nebenan oder das Netz-Angebot, sondern die Kunst der Gegenwart. Dass die Unterschiede hier längst verschwommen sind, das ist seine These. Die Gegenwartskunst orientiere sich zunehmend an ökonomischen Erfolgsszenarien. Angesichts der Konkurrenz, in der sich die Kunst mit anderen Bereichen der Bildproduktion befinde, müsse sie das perfekte Produkt aufstellen. Wyss spricht gar vom „Ende der Kunst“. Einen entscheidenden Grund sieht er darin, dass unserer Spaß-Gesellschaft die Tabus ausgehen. Eine die Regel verletzende Kunst durfte sie noch aufdecken…

Gewiss: Ein radikaler Standpunkt. Die „Experimentelle“ könnte womöglich dagegen gestellt werden. Aber wahr ist auch, dass die Kunst nach der Postmoderne ästhetische Strategien entwickelt hat, die der Wiener Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm treffend mit der Formel „Ästhetik der Orientierungslosigkeit“ zusammengefasst hat.

Von einer solchen Kunst kann nicht mehr erwartet werden, dass sie zu einem „Sinnbild der Gemeinschaft“ oder gar besseren „Gegenwelt“ wächst. Zu fragen wäre allerdings, ob Kunst je das Zeug dazu hatte, mehr als nur eine moralische Institution zu sein? Zum Streitfall wird sie schließlich ganz, wenn sie mit Steuermitteln finanziert werden will.

Das wunderbare Paradoxon in der Kunst besteht aber genau darin, dass sie sich immer wieder neu aufstellt – auch in der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte. Wyss‘ schlagendes Wort von ihrem Ende, ist nicht das erste Todesurteil, das über sie gesprochen wurde. Erinnert sei an dieser Stelle nur an Marcel Duchamps „plastische“ Provokationen, Kasimir Malewitsch‘s Schwarz-Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder an die Dadaisten, die sich vor 100 Jahren in Zürich zusammenfanden und ebenfalls der (bürgerlichen) Kunst eine beredete Absage erteilten. Diese ganzen Initiativen brachten nicht das Ende der Kunst hervor, sondern einen neuen Aufbruch in der Skulptur wie in der Malerei.

So komplex muss man sich am Ende die Motivlage der ursprünglich privaten Initiative „Experimentelle“ vorstellen, die 1988 das Osram-Licht der Welt erblickte und nun ein ordentliches Gardemaß erreicht hat.

Das Geheimnis des Erfolgs der „Experimentelle“ ist, dass die Initianten bewusst auf die Eventisierung und Kommerzialisierung der Kunst verzichten. Mit den Orten und der Auswahl der Werke wird die oft beklagte Kontextlosigkeit modernistischer Kunst überwunden. Einige der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler gehen auf die geografischen und historischen Besonderheiten des jeweiligen Areals ein, um damit zu einer neuen Erfahrbarkeit von Werk und Ort zu gelangen – was dabei gleichzeitig auch den Forderungen nach einem narrativen bzw. erlebbaren Charakter des Raums entgegenkommt. Das erleichtert das Verstehen der interpretationsbedürftigen Kunstwerke.

Und sowieso: Projekte im nicht-institutionellen Raum kommen Menschen entgegen, die nicht unbedingt Museen betreten. Es gibt keine symbolische Schwelle. Auch keine finanzielle. Die „Experimentelle“ ist – auch dank vieler Sponsoren – für alle offen.

Ein anderer verstorbener Künstler dieser Ausstellung ist Erich Radscheit. In seinen Ölbildern, so las ich in dem ihm gewidmeten und in Kooperation mit der Galerie Titus Koch publizierten Kunstband „Erich Radscheit“, „verselbstständigt sich alles“. Die Themen, die er an- und umdenkt, sind in der Tat von einer stupenden Vielfalt und vom Menschlichen, allzu Menschlichen inspiriert. Radscheit, der von der Werbegrafik herkommt, kann alles – abstrakt und gegenständlich. Das Neue: Er zwingt die Pole in eine Symbiose. Dabei geraten ihm die unbestimmten teils skurrilen, teils heiteren Gestalten zu „gedanklichen Abenteuern“ voller Überraschung.

Aber auch für ihn gilt, was bereits über Sturm gesagt wurde: Seine Bilder wollen nichts, sie sind ein Gegenentwurf zum Brotberuf, von Werbegrafik und Produktdesign. Sie werden nicht beauftragt, angenommen oder bezahlt. Sie sind ohne Nutzen, namenlos, folgen dem Zufall, kennen keine Vermarktung. Sie sind Ergebnis eines inneren Prozesses. Obsession, ohne sie ging bei Radscheit wenig.

Erich Radscheit war und ist „Stammgast“ bei der „Experimentelle“. Auch das spricht für diese verstreute Kunstinitiative. Man vertraut sich gegenseitig. Auch diese Ausstellung zeigt Künstlerinnen und Künstler die schon zu sehen waren. FEROSE zum Beispiel. Die Eisenplastikerin aus Öhningen war 2012 zum ersten Mal dabei. In der Ausstellung zeigt sie nicht ihre schwer lastenden Bodenarbeiten – das kann sie auch -, sondern filigrane, fast schwebend erscheinende netzartige Wesen.

Das Eisen beginnt zu sprechen“, philosophierte Gudrun Hofrichter in einem Essay über die Plastiken von FEROSE. Und in der Tat wird das Werk zur „Gestalt, die von Trägheit, Dominanz, Transparenz, Zartheit, von Verletzlichkeit und Stärke erzählt. Durch das Verhältnis von Volumen, Masse, Proportion und den tragenden Kraftlinien erfährt der Betrachter etwas über das Geheimnis ihres Wesens. Abstrakt geistige Strahlen stehen in Wechselwirkung mit der lebendigen organischen Form…“. – Aber sehen Sie selbst.

Die Wiederkehr, der neuerliche Aufruf auszustellen, erlaubt nicht nur dem Künstler seine aktuellen Werke zu präsentieren, sondern auch dem Besucher Entwicklungen – auch vorwärts zurück – wahrzunehmen. Die „Experimentelle“ will auch Begegnungsstätte für Künstler über das rein Künstlerische hinaus sein. Das „Familiäre“ spielt eine große Rolle; sie verleiht der Biennale „ihren stets heiteren und sommerlichen Festcharakter“. (S. Borchardt).

Vier weitere Künstler sind ebenfalls „Wiederkehrer“ oder „Stammgäste“, wie Sie wollen. Dietrich Schön war schon 1997 dabei; die Bildhauer Herbert Stehle 2012 und Alexander Weinmann 2014; auch der Holzschneider Armin Göhringer ist in dieser Gegend ein guter Bekannter, er hat zuletzt in der Galerie Titus Koch ausgestellt. Neu im Kader: der Maler und Bildhauer Jens Reichert.

Dietrich Schön lebt in Freiburg. Er arbeitet auf verschiedenen Feldern, mit schweren, lastenden Eisengüssen, mit Holz und mit Papier – er entfaltet sein vielschichtiges sich immer wieder neu erprobendes ästhetisches Repertoire auch mit filigranen Tuschezeichnungen. Einer seiner Laudatoren, Martin Engler, bezeichnet daher sein Werk, das gerade in seiner Gegensätzlichkeit, in seinen zuweilen widersprüchlichen Formulierungen zu überzeugen vermag, als „Janusköpfig…“.

In dieser Ausstellung unter freiem Himmel dominieren seine eisernen skulpturalen, rostbraunen Arbeiten, hypride, in ihrer Vielschichtigkeit irritierende, archaisch anmutende Objekte, die ihren Anspielungsreichtum nicht nie zur Gänze oder letztgültig einlösen. Engler spricht zur Recht von „metamorphotischen Prozessen…“. – Ob wir dahinter steigen? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

Aber wir wissen auch: Kunst lebt von der Einheit in der Vielheit. Dazu trägt auch Herbert Stehle bei, der von Heiligenberg aus sein Kunst in die Welt bringt. Wesentlich für sein Schaffen ist das Motiv des Hauses. Er formt es in Holz und Beton, aber auch in Stahl. Stehle „baut“ große und kleine Häuser, in denen allerdings kein Mensch wohnen kann. Dennoch stehen sie für das ewige Thema „Behausung“. Aber das kann auch die Sprache meinen. Das Haus der Sprache.

In einigen seiner Werke hat er Bücher einbetoniert. Ich lese diese Sicherheits-Leistung als Mahnung; die Generation nach uns könnte diese Objekte als Erinnerung an das Zeitalter Gutenbergs lesen… Aber vielleicht bin ich ja nur pessimistisch. Diese reduzierten Arbeiten Stehles haben im Übrigen einen hohen ästhetischen Wert. Sie sind schön!

Alexander Weinmann hat sein Atelier in Singen. In seinen Assemblagen arbeitet er mit Metall und seit jeher, möchte man meinen, mit Fundholz, wie einst der große US-amerikanische Künstler Cy Twombly. Der Sammler und Bewahrer Weinmann nennt sich daher nicht von ungefähr selbst einen Archaiker. Ihn interessieren Gegenstände, die ihre Zeit deutlich überlebt haben und weggeworfen werden, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben. Er macht aus den Funden Kunst, indem er sie neu kontextualisiert, verformt, verfremdet, mit anderen Materialien – etwa Holz und Metall - neu kombiniert oder gar fusioniert.

Oft genug entstehen wie Tore- oder Wächter anmutende Installationen, die Geschichte oder Geschichten erzählen. Selbst aus dem alten Ägypten. Man muss nur hinhören und hinsehen. Dieser Künstler ist gebildet. Und wir wissen ja: Kunst entsteht aus Kunst. Insofern lädt Weinmann auch zu einer „Zeitreise“ ein.

Armin Göhringer stammt aus dem Schwarzwald. Dass er als Künstler mit Holz abreitet, liegt also nahe. Er ist mit dem Geruch des Holzes aufgewachsen; er kennt die innere Dynamik seines Materials, jene Zug- und Druckkräfte, die im Holz angelegt sind. Er weiß das und er muss es wissen, denn Armin Göhringer arbeitet nicht mit Klopfholz, Balleisen, Gaissfuss oder Beitel – das sind klassische Werkzeuge des Holzbildhauers – sondern ganz heutig mit der Kettensäge. Das ist Glück, aber auch Unglück – wenn der Künstler abrutscht. Dann gibt’s Brennholz…

Was aber sehen wir? Die Spuren seiner Säge. Sie verweisen auf das Gemachte, das Willentliche, sie treten an die Stelle der Maserung des Holzes und ergeben eine eigene Zeichnung. An der natürlichen Zeichnung des Holzes selbst ist dieser Künstler weniger interessiert. Er schwärzt oft das Holz mit Farbe, um die Aufmerksamkeit vom Material auf das Geschaffene zu lenken.

Stefan Tolksdorf hat den Künstler im Kritischen Lexikon der Gegenwartskunst gewürdigt und die Beobachtung gemacht, dass Armin Göhringers Objekten zumeist die aufs Äußerste abstrahierte Gestalt des Menschen modulhaft zugrunde liegt. Aber es gibt auch andere „eratische Solitäre“, zerbrechliche, wabenförmige Gebilde, in denen der Künstler nicht nur die Gesetze der Statik testet, sondern nach größtmöglicher Durchlichtung der Flächen strebt. Er spielt gern mit Gegensätzen, versucht die Balance: horizontale Linien treffen auf vertikale, massive Blöcke auf filigrane Stäbe. Armin Göhringer lässt Schweres frei schweben, erdet das Leichte… Auch hier gäbe es mehr, viel mehr zu sagen.

Zuletzt Jens Reichert: Bildhauerei und Malerei sind – nach eigener Auskunft – die Scherpunkte des in Freiburg lebenden Künstlers. Ergänzend kommen Installation, akustische Aufnahmen und Fotografie hinzu – auch die Fotografie führt in der „Experimentelle“ noch ein Schattendasein.

Bei seinen plastischen Arbeiten verwendet der zum Schreiner ausgebildete Künstler vor allem Wellpappe, die er kleinteilig mit Leim verbindet und zu größeren, oft hohlen Volumen aufbaut. Obwohl motivisch zumeist gegenstandslos, berühren die Arbeiten die Erinnerung an alltägliche Dinge. Sie lassen sich aber nie eindeutig zuordnen. Das macht sie Rätselhaft. Das macht sie bleibend interessant.

Seine Tafelbilder sind auf grundiertem Sperrholz gemalt. Neben ihrer dinghaften Wirkung als Bildobjekte, bringen sie „Substanzphänomene“ (J. Reichert) von Pigment und Bindemittel, sowie verschiedene Möglichkeiten von Farbauftrag und Arbeitsabläufen zur malerischen Anschauung. Aber auch hier gilt: Machen Sie sich selbst ein Bild…

Ich komme zum Schluss:

Kein Fazit, allenfalls ein Fingerzeig: Die Skulpturen und Installationen, aber auch die Bilder der Ausstellung im „Werkpark“ verzichten weitgehend auf das Hässliche und Düstere unserer Welt, das bisweilen Bedrückende der Realität, das Bedrohliche als unbestreitbare Wirklichkeit. Das ist nicht weiter schlimm. Das darf Kunst – die Nerven der Betrachter schonen. Denken Sie an Martin Walser, der mit seinem Schreiben die Welt schöner machen möchte, als sie ist. Soweit gehen die acht Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung nicht. Aber sie schaffen Räume für ein anderes Denken. Obs neu ist oder nicht: Schon die Auseinandersetzung mit den Exponaten kann das Ziel sein. Und ja: Auch Scheitern kann süß sein. Es gehört zum Leben – und zum Programm der „Experimentelle 19“.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Experimentelle 2016                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           2016 unsere Ausstellungsaktivität in insgesamt  sieben Ortschaften durchführen. Dies sind Schloss Randegg / Gottmadingen, Thayngen / Schweiz, Amstetten / Niederösterreich, Markdorf / Bodenseekreis, Laupheim / Biberach, Ruhestetten / Sigmaringen und Strasbourg / Elsass.

Eine Idee von moderner Kunst wird erwachsen

Die länderübergreifende Kunstausstellung Experimentelle hat sich zum Kulturevent entwickelt. Ab Juli zeigen sieben Ausstellungsorte Arbeiten von 79 Künstlern.

 

Die länderübergreifende Kunstausstellung Experimentelle hat sich zum Kulturevent entwickelt. Ab Juli zeigen sieben Ausstellungsorte Arbeiten von 79 Künstlern.

Mit dem Ziel, junge unbekannte Künstler mit bedeutenden Vertretern der bildenden Kunst in einer gemeinsamen Ausstellung zu präsentieren, fing es vor 28 Jahren an. In Thayngen wurde nun die 19. Ausstellung "Experimentelle" vorgestellt.

Es war vor 28 Jahren nicht alltäglich moderne Kunst auszustellen. Das Verständnis und damit die Akzeptanz in der Bevölkerung war nicht groß, so der verantwortliche Titus Koch während einer Pressekonferenz. Deshalb waren auch die Kunstausstellungen für alle Beteiligten ein schwieriges Unternehmen, ergänzt Koch. Die erste Ausstellung führte der schon zwei Jahre zuvor gegründete Förderverein für Kultur- und Heimatgeschichte Gottmadingen durch. Der Förderverein war mit Titus Koch und dem Künstler Axel Heil einer der Initiatoren der Experimetelle. Dieser Verein wollte der Gemeinde einen von kompetenten Fachleuten vorbereiteten Einblick in die Kunst- und Kulturszene vermitteln. Drei Tage wurden damals die Exponate in der Sporthalle Randegg ausgestellt. Das Verhältnis zwischen der modernen Kunst und der Bevölkerung war noch nicht geklärt und aus diesem spannenden Verhältnis ergab sich fast zwangsläufig der Name Experimentelle.

Da es nicht möglich ist, sich allen Kunstrichtungen zu widmen, habe man sich auf die Kunstrichtungen der Gruppen Cobra (Kopenhagen, Amsterdam und Brüssel) und Spur (München) festgelegt, erläutert Titus Koch. Diese Gruppen zeichnen sich durch eine heftige, expressive, figurative Malerei aus, erklärt der Galerist Koch. Da spielen kräftige Farben eine wichtige Rolle, fügt er hinzu.
 

Im Laufe der Jahre konnte sich dieses Konzept bestätigen und eine weitere Vision des Kulturfördervereins wurde realisiert, eine Art Vernetzung der Regionen, die auch vor Ländergrenzen nicht Halt macht. Die Ausstellungsorte der 19. Experimentelle sind neben Schloss Randegg, Thayngen/Schweiz, Amstetten/Niederösterreich, Straßburg /Frankreich und die deutschen Regionen Markdorf/Friedrichshafen, Laubheim/Landkreis Biberach und Ruhestetten im Landkreis Sigmaringen. Damit sei das Maximum an Ausstellungsorten erreicht, resümiert Titus Koch. Grund dafür seien unter anderem die sehr hohen Kosten für den Transport der oft sehr schweren Kunstwerke.

Gemeindepräsident und Stiftungsrat Philippe Brühlmann zeigte sich sehr erfreut, dass die Ausstellung in Thayngen einen festen Platz gefunden habe. Diese länderübergreifende Kunstausstellung habe eine sehr hohe Qualität und sei die größte in Europa. Brühlmann sei immer wieder überrascht, aus welchen Ländern die Kunstinteressierten anreisen. Da sei auch der wirtschaftliche Faktor für seine Gemeinde nicht unerheblich und mit dem historischen "Sternen" habe Thayngen auch einen vielversprechenden Ausstellungsort vorzuweisen.

Für 19. Experimentelle haben sich insgesamt 330 Künstler beworben. Deren Werke wurden von einer Jury begutachtet. Für die sieben Ausstellungsorte hat sich die Jury dann für 79 Künstler entschieden. Gerade die Mischung aus jungen und etablierten Künstlern mache den besonderen Reiz dieser Ausstellungen aus, so Titus Koch. Der Verein wollte mit Hilfe namhafter Künstler den Jungartisten ein Forum gewähren, um sich mit den Arrivierten zu messen und ihnen gleichzeitige ein Sprungbrett für ihre Zukunft bieten, begründet Koch die Idee. Übrigens gebe es immer bei diesen Ausstellungen die Möglichkeit Werke zu erwerben, ergänzte Koch.

Erstmals, so der Vorsitzende des Fördervereins für Kultur und Heimatgeschichte Gottmadingen, Bernd Gassner, wird es begleitend zur Ausstellung auf Schloss Randegg musikalische Darbietungen geben. Dabei komme es den Organisatoren, so Gassner, besonders auf die Texte der Musikgruppen an. So treten am 23. Juli die vier ungewöhnlichen Musiker der Gruppe Kofelgschroa auf. Am 6. August folgt die Rucki Zucki Palmencombo, deren Name schon einen besonderen Abend verspricht. Den Abschluss bildet am 19. August der Liedermacher Michael Fitz mit seinem neuen Programm.

Informationen in Internet:www.foekuhei-gottmadingen.de

Zeitgenössische Kunst an sieben Ausstellungsorten

  • Randegg: 1. Juli – 11. September mit Andrea Zaumseil, Irmela Maier, Bargoni, Josef Danner, Markus Graf, Barbara Ehrmann, Johannes Gerve, Christina von Bitter, Rolf Behm, Ulrich Wagner, Susanne Hackenbracht, Otto Müller, Chika Cato, Bodo Korsig, Jürgen Knubben, Isa Dahl, Susanne Ackermann, Daniel Erfle und Tim Ernst.
  • Markdorf: 22. Juli – 2. September mit Ute Klein, Mark Knüttgen, Uwe Lindau, Uschi Lüdemann, Heike Pillemann, Harald Björnsgard, Rainer Braxmaier und Dieter Krieg.
  • Thayngen: 5. August – 11. September mit Frank Renner, Cornelia Seifritz, Bernhard Tragut, Andreas Steiner, Werner Schmidt, Gaby Streile, Andreas Lau, Stefan Hasslinger, Gabriel Manzenauer, Eva Hörschläger und Stefan Sulzberger.
  • Amstetten: 9. Juni – 11. September mit Jacqui Colly, Raymond Waydelich, Deva Sand, Marie–Amelie Germain, Roger Dale, Michel Cornu, Christofe Hohler, Mark Felten, Peter Casagrande, Francois du Plessis, Harald Häuser, Heinz Pelz und Jupp Linssen.
  • Laupheim: 15. Juli – 11. September mit Angelika Brackrock, Veronika Dirnhofer, Heiko Hermann, Albertrichard Pfrieger, Hans Schnell, Martina Lauinger, Katharina Bürgin, Hideyake Yamanobe, Hermann Weber, Wiebke Kleinschmidt, Anton Hofmayer und Cornelius Hackenbracht.
  • Straßburg/Frankreich: 2. – 25. September mit Dieter Krieg, Werner Pokorny, Franz Hitzler, Melanie Richter, Kai Kaul, Rüdiger Seidt, Petra Lemmerz, Susanna Messerschmidt und Felix Droese.
  • Ruhestetten: 8. Juli – 11. September mit Ferose, Dietrich Schön, Armin Göhringer, Alexander Weinmann, Jens Reichert, Herbert Stehle, Helmut Sturm und Erich Radscheidt.

 

 

 

Vor 28 Jahren wurde aus der Not heraus die Kunstausstellung „ EXPERIMENTELLE „

zum ersten Mal durchgeführt und zwar vom Förderverein für Kultur- und Heimatge-

schichte Gottmadingen ( BRD ). Der Verein selbst wurde zwei Jahre zuvor ins Leben gerufen um für die Gemeinde Gottmadingen ein gewisses Spektrum der Kunst und Kultur

von kompetenten Leuten zu erarbeiten und vermitteln zu lassen.

Damals war es nicht alltäglich aktuelle, moderne Kunst, sei diese nun von arrivierten oder jungen, noch unbekannten Künstlern, zu präsentieren. Es war nicht ganz einfach auf Verständnis und Wohlwollen bei der Bevölkerung zu stoßen. Die Akzeptanz ist heute auf

ganzer Bereite vorhanden. Vor 28 Jahren waren die Sache und das Denken um die aktuelle Kunst in einer Region wie dem Hegau und den angrenzenden Gebieten doch bei Weitem verkrusteter.

Die Kunstausstellung war für alle Beteiligten ein heikles Unterfangen. Sowohl für den

Verein als Veranstalter, der Gelder der öffentlichen Hand verwendete als auch für die

Künstler mit ihren Werken, die für drei Tage in der Randegger Sporthalle ausgestellt

waren und natürlich auch für die Bevölkerung, die das alles auch noch verdauen musste.

Dies ist der Ursprung des Namens „ EXPERIMENTELLE „

Es war für den Kulturförderverein immer klar, dass es nicht möglich ist das gesamte

Feld der modernen Kunst zu präsentieren. Aus diesem Grund haben wir uns maßgeblich

den Kunstrichtungen, die in der Nachfolge von „ COBRA „ und „ SPUR „ entstanden

sind, verschrieben. ( COBRA war eine Künstlergruppe aus Kopenhagen, Amsterdam und

Brüssel, SPUR eine Gruppe aus München. Beide Gruppen tendierten zu einer heftigen,

expressiven, figurativen Malerei)

Im Laufe der Zeit, denn schon die zweite Kunstausstellung fand im Schloss Randegg

statt, hatten wir , der Verein, die Möglichkeit dem Aspekt des Experiments immer

wieder ein Forum zu gewähren. In Abhängigkeit der Bewerbungen für die Aus-

stellung haben wir immer wieder viele der Künstler mit in die Ausstellung genommen,

die sich maßgeblich mit Installationen oder einer Performance bewarben.

Ziel der Ausstellung ist auch den noch weniger bekannten Künstlern, in Verbindung

mit den bedeutenden Protagonisten der Malerei, eine Möglichkeit zu bieten sich mit

diesen zu messen und auch ihrerseits diesen Umstand als Herausforderung für ihr

weiteres künstlerisches Schaffen zu nutzen. Natürlich soll es auch als Sprungbrett

für die Zukunft der jungen Kunstartisten dienen. Vor allem der seit Jahren aufgelegte

Ausstellungskatalog dient den jungen Künstlern als Nachweis, dass sie in einer wichtigen

Ausstellung vertreten waren. Jeder teilnehmende Künstler musste sich mit entsprechenden Werken einer Jury stellen. So waren für die Experimentelle 19 insgesamt 330 Bewerber

angemeldet, jedoch nur 81 Künstler sind für die sechs Ausstellungsorte angenommen worden.







Eine weitere Vision des Kulturfördervereins ist es eine Art Vernetzung der einzelnen

Ortschaften oder Regionen zu erreichen, nicht nur im Bereich der darstellenden Kunst,

sondern in Zukunft ebenso im Sektor der Literatur, der Musik, des Theaters oder der

Kleinkunst. Es soll zwischen den Ländern zu einem intensiven, dauerhaften kulturellen

Austausch kommen. Weitere Partnerstädte sollen und wollen sich an dieser Konzeption

beteiligen und so werden wir im Jahre 2016 unsere Ausstellungsaktivität in insgesamt  sieben Ortschaften durchführen. Dies sind Schloss Randegg / Gottmadingen, Thayngen / Schweiz, Amstetten / Niederösterreich, Markdorf / Bodenseekreis, Laupheim / Biberach, Ruhestetten / Sigmaringen und Strasbourg / Elsass.

Die zunehmende Bedeutung der Kunstausstellung wird auch dadurch verdeutlicht,

dass schon vor Jahren der Landrat Frank Hämmerle die Schirmherrschaft der

Experimentellen 15 übernommen hat.

Für die Experimentelle 16 im Jahr 2010 hatte  Herr Regierungspräsident Julian Würten-

berger die Schirmherrschaft übernommen. Und für das Jahr 2014 hat Herr Minister Peter Friedrich dieses Amt übernommen Auch dies verdeutlicht, dass die Ausstellung

aus dem Süd-Westdeutschen Raum nicht mehr wegzudenken ist.

Die EXPERIMENTELLE ist mit diesem Umfang einzigartig im Europäischen Raum

und wird  diesen wohl auch in Zukunft halten.

Für die anstehende Experimentelle 19  wird wieder ein intensiver Versuch des 

landesübergreifenden Kulturaustausches gestartet. Eine Poetry-Slam-Veranstaltung wird sowohl in Randegg als wohl auch in Thayngen und durchgeführt.

Die Protagonisten dieses Wettstreites sind junge Künstler, die sich auf literarischem

Wege einer Vortragsform verschrieben haben, die vor allem auch junges Publikum be-

geistert. Es wird im Verlaufe der Experimentellen Musikveranstaltungen und Abende für Literatur und Kleinkunst geben.

Die eingeladenen Künstler werden aus Österreich, der Schweiz und aus Deutschland

kommen. Vorgesehen ist, dass alle Künstler, an allen Orten in denen die Experimentelle

gastiert, einen Auftritt haben.